Warum trennt man sich nach so langer Zeit?

Die Gründe für eine Trennung sind vielfältig. Ich habe in meinen Behandlungen die Erfahrung gemacht, dass oft viele Gründe für eine Trennung oder Scheidung ausschlaggebend sind und dass es ein schleichender Prozess ist. Die zwei wichtigsten Liebeskiller sind aus meiner Sicht die zum einen  über die Zeit verlorengegangene Wertschätzung bzw. der Respekt füreinander. Also wenn der Partner zur Selbstverständlichkeit wird. Zum anderen das gegenseitige Aufwiegen von Fehlern und Schuldzuweisungen, wenn diese die Beziehung dominieren. Eine späte Trennung kann aber auch erfolgen, wenn sich die Partner über die Jahre in eine entgegengesetzte Richtung entwickelt haben. Eine späte Trennung wird dadurch erleichtert, wenn die Kinder aus dem Gröbsten raus sind und auf eigenen Beinen stehen. Mit 50 erleben einige Menschen nochmal den sogenannten „zweiten Frühling“. Spätestens dann kommt einem die Gewissheit, dass das Leben nicht unendlich dauert, aber trotzdem noch lange genug, um ein neues Kapitel aufzuschlagen.

Kann man sich davor schützen?

Definitiv ja. Da es ein schleichender Prozess ist, gibt es immer die Chance den Prozess zu stoppen oder ihn rückgängig zu machen, vorausgesetzt, dass das gegenseitige Vertrauen noch nicht zerstört wurde. Man spricht auch gerne von „Beziehungsarbeit“, auch wenn ich den Begriff „Arbeit“ dafür eigentlich etwas unpassend finde. Im Prinzip geht es um die kleinen, alltäglichen Aufmerksamkeiten, die die Liebe aufrechterhalten. Wenn Paare frisch verliebt sind, geben sie sich noch diese Aufmerksamkeiten. Sie schreiben sich liebevolle Nachrichten, geben sich ein Kuss zum Abschied und kommunizieren mit Bitte und Danke. Denken Sie an Ihre Kennenlernzeit zurück, wie sind Sie da mit Ihrem Partner umgegangen? Solch eine Wiederbelebung ist m.E. der beste Schutz.

Gibt es Anzeichen, dass es bald vorbei sein könnte?

Klare Anzeichen sind oft fehlende und/oder destruktive Kommunikation untereinander. An der Kommunikation erkennt man, wie es um die Partnerschaft bestellt ist. Wenn das „Wir-Gefühl“ verloren geht, ist das ein starkes Warnsignal. Genauso aber auch, wenn die Kommunikation nur noch aus Anschuldigungen, Abwertungen oder Vorwürfen besteht.

Welche Rolle spielt Sex?

Sex ist wichtig, um Intimität und die Nähe des anderen zu erfahren. Sex verbindet, stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl (u.a. durch die Ausschüttung des Kuschelhormons Oxytocin) und sollte in einer gesunden Partnerschaft nicht fehlen. Oftmals rückt Sex in längeren Partnerschaften zunehmend in den Hintergrund, was erstmal auch nicht weiter schlimm sein muss, sofern das Paar offen darüber kommuniziert. Vielleicht haben auch gerade andere Dinge Priorität wie z.B. Kindererziehung, etc. Wichtig ist aber der offene Umgang damit und dass die Bedürfnisse des Partners ernst genommen werden. Wenn einseitig sexuelle Bedürfnisse über eine lange Zeit nicht befriedigt werden, kann das die Ehe sehr belasten.

Welche Rolle spielen Kinder?

Kinder können der Grund sein, dass man zu deren Wohl in einer Beziehung bleibt und sich dann eher gegen eine Scheidung entschließt. Kinder leiden sehr unter einer Trennung. Fakt ist, dass glückliche Eltern in der Regel auch glückliche Kinder haben. Daher kann es für Kinder langfristig sogar besser sein, wenn Mama und Papa friedlich getrennt statt unfriedlich und unglücklich zusammen leben. Gerade wenn die Kinder bereits junge Erwachsene sind und die Trennung reflektieren können.

Gibt es die Möglichkeit, sich neu in den Partner zu verlieben?

In der Anfangszeit befinden sich die meisten Paare in einer Verliebtheitsphase, in der alles noch ein bisschen fremd aber aufregend ist und man nicht die Finger voneinander lassen kann. Später wandelt sich das Gefühl mehr in eine Phase inniger Liebe und Zuneigung, die vor allem durch Vertrauen geprägt ist.  Die Liebe wird sozusagen über die Jahre immer reifer und somit auch stabiler, vorausgesetzt natürlich, die „Beziehungsarbeit“ wird nicht vernachlässigt. Die rosarote Brille aus den Anfangstagen sollte man sich aber dennoch immer wieder mal ganz bewusst aufsetzen. Das klappt besonders gut abseits des Alltags, wo man sich wieder ganz viel Zeit für den anderen nimmt, z.B. im Urlaub.

Ist eine Trennung auf Probe immer der Anfang vom Ende? Oder kann man sich wieder annähern?

Das kann man nicht pauschal beurteilen. Alles ist möglich. Aber ich persönlich halte nicht besonders viel von Trennung auf Probe, also die bewusste Entscheidung eine Single-Auszeit zu nehmen. Oft ist das tatsächlich der Anfang vom Ende. Es kommt natürlich häufig vor, dass Paare sich trennen und erst später merken, dass sie doch füreinander bestimmt sind. Aber dann waren sie auch richtig getrennt und nicht „halb“, was Trennung auf Probe ja impliziert.

Warum lassen sich hauptsächlich Frauen über 50 scheiden? Und die Männer haben nichts geahnt?

Frauen haben in Beziehungen generell ein höheres Verantwortungsgefühl als Männer und verharren daher länger in unbefriedigenden Beziehungen. Grund dafür ist wohl die unterschiedliche Sozialisierung von Männern und Frauen, die sich wiederum auf eine unterschiedliche Ausgestaltung bestimmter Persönlichkeitseigenschaften auswirkt. Frauen wird beispielsweise nachgesagt, sie seien empathischer und harmoniebedürftiger.

Warum bestehen die Frauen auf einer Scheidung? Eine Trennung ist finanziell gesehen doch viel günstiger…

Gute Frage. Hier kann ich nur spekulieren. Da Beziehungen für Frauen tendenziell einen höheren Stellenwert besitzen, vermute ich, dass es für sie auch relevanter ist, „geschieden“ und nicht „nur getrennt“ zu sein. Eine Hochzeit oder die Trauung in weiß spiegeln ja meist auch eher Herzenswünsche der Frau wider. Daher ist „getrennt lebend“ und gleichzeitig noch verheiratet zu sein sicherlich problematischer für Frauen als für Männer. Außerdem ist eine neue Partnersuche für geschiedene Frauen wahrscheinlich einfacher als für getrennt lebende Ehefrauen.

Ist es auch für erwachsene Kinder schlimm, wenn ihre Eltern auseinandergehen?

Es ist nie schön für Kinder, wenn die Eltern auseinandergehen. Egal in welchem Alter sie sich befinden. Besonders wenn die Trennung nicht friedlich abläuft und mit viel Stress und Schuldzuweisungen verbunden ist. Kinder sitzen immer zwischen den Stühlen, da sie ja beide Elternteile lieben. Je älter, erwachsener und reflektierter die Kinder sind, desto leichter ist eine Trennung der Eltern sicherlich zu verkraften. Aber ich habe auch schon erwachsene Patienten erlebt, die durch die späte Trennung der Eltern eine echte Lebenskrise entwickelt haben. Generell leiden aber Kinder besonders unter einer Trennung in sogenannten vulnerablen (verletzlichen) Phasen (z.B. frühe Kindheit oder Pubertät), also in Phasen, in denen Kinder noch eine stärkere Abhängigkeit von den Eltern verspüren.