Frage: Was hat es mit dem aktuellen "Aufräumtrend" auf sich? Woher kommt der plötzliche Trend hin zum Minimalismus?

Aufräumen tut der Seele gut, das wusste schon der österreichische Arzt und Philosoph Ernst Freiherr von Feuchtersleben Anfang des 19. Jahrhunderts, in dem er sagt: „In einem aufgeräumten Zimmer ist auch die Seele aufgeräumt“. Und diese Erkenntnis gilt bis heute. Der aktuelle Aufräumtrend wird auch als „Death Cleaning“ beschrieben, d.h. man räumt sein Leben so auf, dass man theoretisch am nächsten Tag sterben kann. Der Trend zum Minimalismus spiegelt die Sehnsucht wider, die Komplexität des Lebens zu vereinfachen und sich von unnötigem Ballast zu befreien. Menschen in der modernen Welt klagen über ständige Erreichbarkeit via Smartphone und müssen im digitalen Zeitalter oft mehr Aufgaben in weniger Zeit erledigen. Da ist Aufräumen in jeglicher Hinsicht wichtig, um nicht den Überblick zu verlieren und das seelische Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.

Frage: Wird es Ihrer Ansicht nach demnächst wieder eine Gegenbewegung hin zum Konsum geben?

Die Geschichte hat gezeigt, dass Trends kommen und gehen. Wo es einen Trend gibt, zeigt sich auch irgendwo ein Gegentrend. Aber ich glaube, dass Minimalismus weniger nur ein Trend ist, sondern mehr eine Lebenseinstellung, die sich dauerhaft gesundheitsfördernd auswirkt. Besonders für die eigene Psyche. Ich glaube, dass durch die wachsende Weltbevölkerung mit gleichzeitig schwindenden Rohstoffen und Ressourcen das Thema Nachhaltigkeit für zukünftige Generationen immer wichtiger sein wird und Konsumdenken in den Hintergrund drängt. Das wäre zumindest meine Hoffnung. Vielen jungen Menschen ist es bereits nicht mehr so wichtig, ein schickes Auto als Statussymbol zu haben, sondern sie möchten eher schnell und günstig von A nach B gelangen.

Frage: Woher kommt das Bedürfnis der Menschheit aufzuräumen und Ordnung zu halten? Welche psychologischen Faktoren stecken dahinter?

Das Bedürfnis spiegelt sich in dem schon oft gehörten Satz wider: „Ordnung ist das halbe Leben“. Eine aufgeräumte Umgebung strahlt Ruhe aus; Chaos und Unordnung dagegen führen eher zu Stress und Unruhe. Ordnung ist ästhetisch, so wie der symmetrische goldene Schnitt in der Natur. Psychologisch gesehen will der Mensch sein Leben im Griff haben und stets den Überblick behalten. Wer den Überblick behält, erfährt das sogenannte Kohärenzgefühl, das sich aus drei Komponenten zusammensetzt. 1.) Die Fähigkeit, die Zusammenhänge des Lebens zu verstehen, 2.) die Überzeugung, das eigene Leben selbst gestalten zu können und 3.) der Glaube an einen Sinn im Leben. Ist das Leben dagegen chaotisch und unvorhersehbar, kann leicht die Orientierung verloren gehen und im schlimmsten Fall in eine Depression münden.

Frage: Kann man Ordnung lernen? Ist jeder Mensch von Geburt an ordentlich oder unordentlich? Liegt dieses Talent in den Genen oder lernen wir es als Kinder?

Ordnung kann man definitiv lernen. Als Verhaltenstherapeut bin ich davon überzeugt, dass alles, was uns ausmacht, wir irgendwann im Leben durch Vorbilder oder Erfahrungen gelernt haben. Trotzdem gibt es auch gewisse Charaktereigenschaften, die angeboren sind. Für manche Personen ist Ordnung wichtiger als für andere. Einige lieben es geradezu ordentlich zu sein, für andere ist diese Eigenschaft eher nicht in die Wiege gelegt. Somit gilt beides gleichzeitig. Wir können Ordnung lernen UND es gibt so etwas wie ein Ordnungstalent.

Frage: Warum tut es gut, sich von Dingen zu trennen?

Einige Menschen tun sich sehr schwer, sich von alten Sachen zu trennen. Der Glaube, es irgendwann vielleicht noch einmal zu gebrauchen oder dass damit ein Teil ihrer Erinnerung weggeworfen wird, ist dafür häufig die Ursache. Oft sind mit bestimmten Sachgegenständen alte Emotionen verknüpft, z.B. die alte Vase von der geliebten Oma, die verstorben ist oder das Kuscheltier aus Kindertagen. Es ist wichtig, sich dabei bewusst zu machen, dass etwas wegzuschmeißen nicht automatisch bedeutet, auch seine Erinnerung wegzuwerfen. Entrümpeln wirkt für viele trotz anfänglicher Bedenken schließlich sehr befreiend und meist ist nur der Anfang schwer. Je mehr man sich wagt, wegzuschmeissen, desto einfacher wird es. Es kann sogar Spaß machen!

Frage: Kann man diesen "Aufräumwahn" auch übertreiben? Wie findet man sein perfektes Maß?

Alles im Leben ist von der Dosierung abhängig. Die Dosis macht das Gift und es gilt stets die richtige Balance zu finden. Auch beim Aufräumen kann man es natürlich übertreiben. Der eine oder andere kennt sicherlich Menschen, die für ihren Putzfimmel oder Ordnungswahn bekannt sind. Im schlimmsten Fall führt das zu einer Zwangsstörung, die das Leben und das Wohlbefinden des Betroffenen stark beeinträchtigen kann. Ein Beispiel für Übertreibung wäre, wenn man nicht einschlafen kann, weil am späten Abend nach einer Feier die Küche noch nicht aufgeräumt wurde.

Frage: Stimmt es, dass uns weniger glücklicher macht?

Buddhisten würden das wahrscheinlich bejahen. In der buddhistischen Lehre findet man den Weg zur Erleuchtung u.a. darin, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und auf alles Weltliche zu verzichten. Aber die Aussage, dass „weniger“ auch „glücklicher“ macht, sollte m.E. differenzierter betrachtet werden. Beim Geld beispielsweise zeigen Studien, dass bis zu einer bestimmten Einkommensgrenze pro Jahr (zwischen 80.000 und 100.000 Euro) ein „mehr“ an Einkommen glücklicher macht, allerdings ist dieser Zusammenhang nicht linear. Jenseits der 100.000 Euro verpufft dieser Glückseffekt. Zu viel Geld verschafft wahrscheinlich eher Sorgenfalten bzgl. der richtigen Anlagestrategie oder Ängste, das Geld wieder zu verlieren. Studien zeigen übrigens auch, dass 40 % unseres Glücksempfinden durch eigene Aktivitäten zustande kommen, wir sind also zu einem großen Teil selbst für unser Glück verantwortlich. Nur 10 % machen unsere persönlichen Lebensumstände aus.

Frage: Wie können wir "Ordnung" lernen? Was für Strategien, Konzepte gibt es?

Ordnung lernen wir nicht aus Büchern, sondern durch gute Vorbilder (z.B. die Eltern) und schließlich durch Learning by Doing. Es gibt sicherlich gute Ratgeberbücher, um gute Aufräumtipps zu erhalten, aber am Ende hat jeder seine eigene Vorstellung von Ordnung und seine eigenen Maßstäbe. Wer feststellt, dass Ordnung das Leben leichter macht, wird diese Strategie automatisch weiterführen und optimieren. Ich selbst benutze dafür gerne die neuen Medien, um mein Leben aufgeräumt zu halten. Vom digitalen synchronisierten Kalender über digitale Einkaufslisten bis hin zu Zeitmanagement- und To-Do-Apps gibt es im Appstore ein breites Angebot an hilfreichen Tools. Ich selbst benutze solch eine App, um meine täglichen Aufgaben zu ordnen.